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Astfeld. Wolfgang Kirstein trägt schwer an seinem Fleiß: Mehr als vier Kilogramm wiegt seine 1297 Seiten starke Kriegschronik über eine Wehrmachtsdivision, deren Schicksal 1943 im berüchtigten "Kessel von Stalingrad" besiegelt wurde. "Dokumentieren, nicht werten", heißt die Devise des passionierten Hobby-Historikers. Mehr als zehn Jahre lang vergrub sich Kirstein in Archiven, sprach mit Zeitzeugen, reiste für seine Recherchen quer durch Deutschland und an die russischen Originalschauplätze. Fotos, Briefe, persönliche Erlebnisberichte und offizelles Material flossen in die streng chronologisch gehaltene "Rekonstruktion eines Kriegs-Tagebuches" der 295. Infanterie-Division ein. "Ich habe Wert darauf gelegt, dass ranghohe Offiziere und einfache Soldaten gleichermaßen zu Wort kommen", sagt Kirstein. Das er die Ergebnisse seiner Arbeit jemals in einem Buch zusammenfassen würde, hat der Informatiker lange Zeit nicht geahnt. Denn am Anfang stand lediglich ein historisches Interesse, das ihn schon als Kind beschäftigt hat. Kirstein: "Geschichte war immer mein Paradefach in der Schule. Mit 19 habe ich bereits Familienforschung betrieben." Wahrscheinlich wäre aus dem heute 45-Jährigen ein Berufs-Historiker geworden, hätte ihn seinerzeit nicht der Vater vor der "brotlosen Kunst" gewarnt. Kirstein folgte dem Wunsch der Familie, lernte "etwas Vernünftiges" und landete in der Datenverarbeitung. Seine Faszination für die Geschichte ist ungebrochen.

Der Onkel starb in Stalingrad

Vor zehn Jahren hat der Mann, der sich selbst als "akribisch" bezeichnet, nach längerer Pause dem Forscherdrang wieder nachgegeben. Von da an widmete er sich der "295.Infanterie-Division". Das Schicksal des eigenen Onkels Gustav Kirstein, der in dieser niedersächsischen Einheit kämpfte und im Alter von 22 Jahren starb, hatte den Anstoß zu diesem Thema gegeben. "Irgendwann hatte ich dann den Eindruck, daraus könnte etwas werden", erinnert sich Kirstein. Dem Entschluss, eine Chronik zu erstellen, folgten noch einmal fünfeinhalb Jahre Arbeit an dem Mammutwerk. Der Verfasser hält sich mit einer eigenen Beurteilung des Kriegsgeschehens zurück, er lässt oft nur Fakten sprechen.

Chronik erschien im Eigenverlag

Militärisch geprägt scheint allerdings die Sprache der Zeitzeugen. So schreibt Paul Baier, Oberstleutnant a.D. im Geleitwort von "soldatischer Pflichterfüllung" und "Tapferkeit". Kritik an der Militärmaschinerie des dritten Reiches, die im II. Weltkrieg allein vier Millionen deutsche und 13,6 Millionen russische Soldaten in den Tod geschickt hat, bleibt an dieser Stelle aus. Im Herbst ´99 erschien Kirsteins Chronik, nebst Extraband mit aufwendig gestalteter Gefechtskarten-Mappe, im Selbstverlag. Für fast 400 Mark erfährt der Leser alles, was über die 295. Division recherchierbar war. Dazu gehört nicht nur, dass in einem Fronteinsatz von weniger als 22 Monaten ein Verlust von mindestens 21 000 Mann zu beklagen war, sondern auch, dass 1942, im April, 41 670 Paar Socken an die Truppe verteilt wurden.